Wie lebt es sich mit zwei Sprachen, Leila Chammaa?

Leila Chammaa (links im Bild) wurde in Beirut geboren und studierte Islamwissenschaft, Arabistik und Politologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist Übersetzerin arabischer Prosa und Lyrik ins Deutsche und Dozentin für Arabisch im Auswärtigen Amt. 2002 gründete sie die Agentur Alif zur Vermittlung arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Sie hat arabisch-deutsche Eltern und ist zweisprachig aufgewachsen. Für den Kurs „Yalla nadrus sawa! Los, lass uns gemeinsam lernen!“ der Elternakademie hat sie die beiden arabisch-deutschen Lesungen „Sprach-Fenster“ im Mai 2012 und „Sprach-Fenster, gespiegelt“ im Januar 2013 in der Bibliothek am Luisenbad gemeinsam mit der freien Autorin Ilke S. Prick (rechts im Bild) durchgeführt.

Für die Elternakademie stellte Ewald Schürmann der Übersetzerin Fragen zur deutsch-arabischen Zweisprachigkeit. Viele Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien leben mit der Situation der Zweisprachigkeit. Da ist es interessant, einmal von einer Übersetzerin zu erfahren, worin die Unterschiede zwischen den Sprachen liegen, welche Leistung es ist, ständig mit zwei Sprachen umzugehen und wie wertvoll Zweisprachigkeit für die persönliche Entwicklung ist. 

 

 

Was bedeutet es für Sie, mit der deutschen und arabischen Sprache zu leben? 

Ich finde an der Zweisprachigkeit mit Deutsch und Arabisch so faszinierend, dass man zwischen zwei völlig unterschiedlichen Sprachsystemen hin und her springt. Gleichzeitig ist es spannend, innerhalb dieser Systeme auch Ähnlichkeiten festzustellen.  An der Schriftsprache gefällt mir, dass die deutsche Sprache von links nach rechts und die arabische von rechts nach links geschrieben wird. Dabei habe ich das Gefühl, als wäre das eine der Spiegel des anderen und als würde man die eine Richtung oder Seite mit der anderen vervollständigen. Ist doch toll, ich kann sowohl in die eine als auch in die andere Richtung schreiben!

Wie stark ist die Umstellung, wenn man von der einen in die andere Sprache wechselt?

Grundsätzlich funktionieren beide Sprachen ganz anders. Das Deutsche ist mehr auf das Verb ausgerichtet und im Arabischen wird sehr viel mit Nomen operiert, also mit Genitivverbindungen. Wenn ich aus dem Arabischen ins Deutsche übersetze, muss ich jedes Mal die arabische Sprachstruktur aufbrechen, um einen schönen deutschen Satz zu formulieren.  Wenn ich mich in mehreren Systemen bewege, muss ich mich orientieren können, um ohne Schwierigkeiten von dem einen in das andere System zu springen. Beim Dolmetschen muss ich aber auch das Verständnis dieser Systeme gegenüber Leuten vermitteln, die sich da nicht auskennen. Da ist soziale Kompetenz gefordert. Ich muss mich in Leute hineindenken können, die nur das arabische oder das deutsche Sprachsystem kennen. Aus Erfahrung weiß ich, was ich erklären muss, damit jemand die ihm unbekannte Sprache verstehen kann. Derjenige braucht dann bestimmte Informationen, um das jeweils andere System zu verstehen.   

Übersetzen ist dann interkulturelle Verständigung?

Dolmetschen findet nicht nur auf der sprachlichen Ebene statt, sondern ich muss bei der Übersetzung vermitteln, was  der Sprechende sagen will. Ich muss beim Dolmetschen immer berücksichtigen, was der einen Seite an Basiswissen fehlt, um die jeweils andere zu verstehen. Das muss ich mit einfließen lassen, um eine Brücke der Verständigung herzustellen. Das umfasst dann auch die kulturellen Hintergründe, also Weltbilder, Denkweisen, Vorstellungen, sich in andere Menschen und ihr Denken versetzen können. Mir geht es auch darum, die oft stereotypen Vorstellungen, die man von anderen hat, aufzubrechen. Das muss ich alles immer berücksichtigen, wenn ich dolmetsche.

Gibt es so etwas wie eine Weltbürgerkompetenz? 

Ja, so empfinde ich es auch. Ich habe mal bei einem Filmfestival gearbeitet, wo ich einen Dolmetscher traf, der hatte einen senegalesischen Vater und eine deutsche Mutter, oder eine andere Dolmetscherin hatte eine koreanische Mutter und einen deutschen Vater. Wir hatten so ein gemeinsames Gefühl, dass wir Menschen sind, die ständig Brücken schlagen müssen aber auch außen stehen. Also die Welt von draußen sehen und gleichzeitig in ihr drin sein, so dass wir immer eine Innen- und Außensicht haben. Das kam mir vor wie eine dritte Nationalität. Die Nationalität des Gemischtseins.

Also Sie können einen Spießer mit seinen Vorurteilen verstehen aber auch von außen kritisch sehen?

Naja, wenn ein Deutscher schlecht über einen Araber spricht, mache ich ihn darauf aufmerksam, dass es in Deutschland doch auch nicht anders ist. Und umgekehrt sage ich das auch zu einem Araber, der Schlechtes über die Deutschen sagt. Ich halte so immer einen Spiegel vor: Du kritisierst hier was, aber bei dir ist es doch auch nicht anders. So kann ich immer die Verteidigung des anderen übernehmen. Das ist allerdings auch anstrengend. Trotzdem gefällt mir diese Rolle, immer draußen zu stehen und reinzureden.  

Was charakterisiert eigentlich die beiden Sprachen Arabisch und Deutsch? Leute, die Deutsch lernen, sehen zum Beispiel ein starkes Regelwerk und Ordnung, während sie in ihrer Sprache mehr improvisieren würden.

Arabisch ist eine sehr logische Sprache, was mich manchmal an Mathematik erinnert. Es gibt Regeln und es gibt Ausnahmen der Regeln, die auch wieder Regeln haben, wovon es dann wieder Ausnahmen gibt. Das ist in sich total logisch. Deutsch finde ich übrigens gar nicht so streng nach Regeln aufgebaut. Man hat viele Möglichkeiten, mit der Sprache zu spielen. Es ist eine sehr bewegliche Sprache, die man immer auch umstellen kann und über die man gar nicht sagen kann, sie läuft so und nicht anders. Allerdings finde ich, je besser man eine Sprache kennt und sie beherrscht, desto beweglicher empfindet man sie.  Bei Fremdsprachen hat man oft das Gefühl, sich in einem Korsett zu bewegen, weil man ständig an die Regeln denkt.   

Gibt es im Arabischen typische Idiome und Wendungen?   

Die gibt es wohl in jeder Sprache und man kann sie meist nicht wortwörtlich übersetzen. Witzigerweise gibt es aber auch in den verschiedenen Sprachen ähnliche Sprachbilder. Zum Beispiel “Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen” heißt im Arabischen “Zwei Vögel mit einem Stein erschlagen”. Gerade bei Sprichwörtern findet man immer ganz gut Entsprechungen zwischen den Sprachen. So sagt man ja im Deutschen, der Schuster habe immer die schlechtesten Schuhe, im Sinne der Handwerker tut am wenigsten für sich. Das heißt im Arabischen “Der Bäcker hat Hunger”, “Der Schneider ist nackt” und “Der Schuster ist barfuß”. 

Was ist die besondere Schönheit der arabischen Sprache?

Ich mag den Klang und bestimmte Laute, die es im Deutschen nicht gibt. Bei beiden Sprachen habe ich ein völlig anderes Mundgefühl. Deutsch wird mehr im vorderen Mundbereich, wie zum Beispiel mit der Zungenspitze gesprochen, während man beim Arabischen das Gefühl hat, den Kehlkopf entspannen zu müssen. Und beim Wechseln zwischen den beiden Sprachen ist das wie eine Gymnastik zwischen dem vorderen und hinteren Mundbereich. Neben dem Klang mag ich bestimmte Ausdrucksweisen und Bilder. Zum Beispiel sagt man im libanesischen und palästinensischen Dialekt für Spazierengehen “Ich gehe mal Luft schnuppern”. Aber natürlich gibt es auch in der deutschen Sprache wunderbare Bilder. 

Wie verhalten sich zweisprachig aufwachsende Kinder beim Verhältnis von Hochsprache und Dialekten im Arabischen? 

Kinder sprechen zu Hause in der Regel die gesprochene Sprache der Eltern und das sind meist Dialekte. Die geschriebene arabische Sprache dagegen ist mehr eine akademische Sprache. Ähnlich ist es sicherlich bei Kindern in Bayern oder Schwaben, die zuhause den lokalen Dialekt sprechen und dann in der Schule in der deutschen Hochsprache Lesen und Schreiben lernen. Da gibt es dann viele Unterschiede in der Aussprache und den Begriffen. Die arabische Hochsprache ist eine andere Sprache als die Dialekte. In einem Workshop in einer Kreuzberger Schule habe ich mal mit Schülern ein Schreibspiel gemacht. Sie sollten in Gruppenarbeit eine Kurzgeschichte auf Deutsch schreiben und anschließend ins Arabische oder Türkische übersetzen. Die türkischen Kinder fingen sofort mit der Übersetzung an, während die arabischen Kinder Anlaufschwierigkeiten hatten. Sie wollten wissen, ob sie auch lateinische Buchstaben benutzen dürften oder ob sie in die arabische Hochsprache oder in ihren Dialekt übersetzen sollten. Ich sagte, sie sollten so übersetzen, wie es ihnen am besten läge. Dann kamen Bedenken, weil eine Schülerin Ägypterin, eine andere Libanesin, eine andere Palästinenserin sei und jede einen anderen Dialekt habe. Also bevor sie anfingen, mussten sie erst mal viele Fragen klären.

Welche Rolle spielt bei der Sprachbildung die Religion? Im Protestantismus war ja die Bibelübersetzung Luthers für die deutsche Sprache ein wichtiger Entwicklungssprung. 

Der Koran war einer der ersten geschriebenen Texte in der arabischen Sprache. In der vorislamischen Zeit hatte jeder Stamm seinen eigenen Dialekt. Mit dem Koran entwickelte sich eine literarische arabische Schriftsprache. Damit wurde auch ein Standard und Maßstab gesetzt. Wenn man heute den Koran liest, versteht man den Originaltext sicherlich nicht mehr ohne Interpretationen und Erläuterungen. Die Sprache hat sich sehr verändert seit der Niederschrift. Denn natürlich verändert sich die arabische Sprache ständig weiter, das bedingen einfach die Kontexte in den 22 verschiedenen arabischen Ländern. Durch die sozialen, politischen und kulturellen Einflüsse kommen ständig andere und neue Begriffe auf und gehen in das moderne Arabisch ein.

Welche beruflichen Chancen haben Menschen mit zweisprachiger Kompetenz?

Übersetzen ist sicherlich ein Hauptfeld. Im sozialen Bereich werden Sozialarbeiter, Psychologen und andere gesucht, die zweisprachig sind. Auch im wirtschaftlichen Bereich gibt es bestimmt Möglichkeiten für Leute, die die Sprache und Kultur etwa eines Exportlandes kennen. 

Wo kann man in Berlin die arabische Sprache sprechen und pflegen? 

Das ist ein großes Problem. Jedes Land hat ein Kulturinstitut, Deutschland hat das Goethe-Institut, Frankreich das Institut Français, Italien die Società Dante Alighieri, Spanien das Instituto Cervantes und so weiter, aber ein arabisches Kulturinstitut gibt es nicht. Es gibt nur die Initiativen von Freundschaftsvereinen, wo man auch Arabisch lernen kann. Viele Eltern schicken ihre Kinder in die Moschee, wo natürlich die Verknüpfung von arabischer Sprache und Religion sehr eng ist. Ich finde es problematisch, zu meinen, man könne Arabisch über den Koran lernen. Denn die Sprache entfaltet sich ja viel breiter, so gibt es eine arabische Umgangssprache oder ein literarisches Arabisch und noch viel mehr Bezüge, die für die Sprachentwicklung wichtig sind.  Im religiösen Umfeld gibt es oft den moralischen Zeigefinger, der die Lust an der Sprache verhindert. So jedenfalls kann man meines Erachtens die Kinder nicht für ihre Herkunftssprache begeistern.

 

Sie machen oft zweisprache literarische Lesungen an Berliner Schulen. Wie ist Ihr Eindruck? Wird die Zweisprachigkeit an Schulen ausreichend gefördert?

Ich denke, man kann im deutschen Bildungssystem da noch einiges verbessern. Ich beobachte schon seit Jahren, dass hierzulande tendenziell eine Hierarchie der Sprachen herrscht. Zum Beispiel stehen Englisch, Französisch und Spanisch weit oben auf der Leiter. Diese Sprachen gelten als „lehrenswert“, werden als Bereicherung erachtet und an Schulen als reguläres Fach unterrichtet. Für Türkisch und Arabisch dagegen gilt das in der Form nicht.

Von offizieller Seite wird hierzulande oft die mangelnde Integrationsbereitschaft von Menschen mit türkischem und arabischem Hintergrund beklagt. Ich denke, dass sich Menschen nur da wohl fühlen und öffnen können, wo sie akzeptiert werden, Anerkennung finden und ihre Sprache und Kultur wertgeschätzt wird. Daher ist es meiner Meinung nach – vor allem auch angesichts der demographisch veränderten Situation in Deutschland – höchste Zeit, Türkisch, Arabisch und vielen anderen Sprachen die gleichen Rechte einzuräumen und sie genauso wie Englisch, Französisch und Spanisch regulär an Schulen zu unterrichten. Zum einen, um den Kindern und Jugendlichen mit entsprechendem Hintergrund die Chance zu bieten, sich mit der eigenen Sprache, Kultur und Herkunft auseinanderzusetzen. Zum anderen, um den Schülern aus anderen kulturellen Kontexten die Möglichkeit zu eröffnen, mehr über ihre Mitschüler zu erfahren.

 

 

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