„Ich möchte anderen Menschen ein Fenster öffnen“

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Interview mit der türkischen Autorin Ruhat Gülçin Günekti über ihr neues  Buch „Berlin Ihlamur Kokarken“ (Während es in Berlin nach Linden duftet) und ihren Frauen-Blog. Eine Buchbesprechung finden Sie in „Hallo Mitte“ – Ausgabe 3.

Ruhat Gülçin Günekti aus der Türkei lebt seit 2003 in Berlin und betreibt den Blog Kadının Kaleminden (Frauen-Stift), in dem Frauen aus aller Welt schreiben können. Sie setzt sich für Demokratie und Menschenrechte ein. Nach ihrem Studium in der Türkei arbeitete sie in Istanbul als Betriebswirtin. In Berlin lernte sie Deutsch an der Volkshochschule Berlin Mitte und besuchte  den VHS-Zeitungskurs. Vor kurzem hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, auf Türkisch. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt. Das Buch besteht aus 13 Briefen und vielen Geschichten über Berlin, über die Türkei und das Leben. Die Ich-Erzählerin schickt die Briefe aus Berlin an eine junge Frau, die in Istanbul lebt und auch Schriftstellerin werden möchte.

Das Interview führte eine Studentin aus Ankara.

Ihr Buch besteht aus Briefen. Warum?
Im Buch schreibe ich die Briefe an eine junge Frau in Istanbul. Das ist Fiktion. In Wirklichkeit haben mich meine Gespräche im Alltag mit vielen jungen Leuten in Berlin und in der Türkei zu den Fragen und Antworten inspiriert, die ich im Buch auf eine einzige Briefpartnerin konzentriert habe.

 Es gibt eine breite Palette von Themen in Ihrem Buch – von der Maus in Ihrer Wohnung bis zu Amnesty International, von deutschen Familienstrukturen und Ihrer eigenen Familie. Sind Briefe eine gute Form, um diese Themen zu kombinieren?

Ja, der Brief ist ein starkes Stilmittel mit vielen Möglichkeiten. Man kann in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft schreiben, wie man möchte. Außerdem ist der Brief eine persönliche und ehrliche Form. Meine Mutter ließ mich früher alle Briefe schreiben. Ich war das ruhigste Kind in der Familie, deshalb rief meine Mutter immer mich und sagte: “Diesen Brief schreiben wir auch noch.” (lacht).

Die Sprache Ihres Buches ist flüssig, die Beschreibungen sind stark und einfach. Träumen Sie davon, ein Buch auf Deutsch zu schreiben?

Nein. Ich habe viele deutsche Schriftsteller auf Deutsch gelesen, aber meine Sprachkenntnisse sind nicht gut genug,  um ein Buch auf Deutsch zu schreiben. Aber man kann mein Buch ja professionell ins Deutsche übersetzen.

Was inspiriert Sie zum Schreiben?

Meine erste Geschichte handelte davon, dass ich den Kristallaschenbecher meiner Mutter zerbrochen hatte. Er fiel mir beim Abtrocknen aus der Hand, für sie war er sehr wertvoll. Meine Mutter sagte: “Ach Tochter, das ist egal, davon bricht mein Herz nicht.“ Aber etwas, das meine Mutter liebte, war zerbrochen, und ich war wirklich traurig. In dieser ersten Geschichte wollte ich meine Gefühle ausdrücken, mich entschuldigen. Heute unterhalte ich mich gerne, aber viele Leute haben keine Zeit. Schreiben ist ein gutes Kommunikationsmittel. Wenn ich selbst ein Buch lese, öffnet sich ein neues Fenster für mich. Ich denke oft: Wie gut, dass jemand das geschrieben hat. Ich hoffe, dass denken andere auch über mich. Ich möchte anderen Menschen auch ein Fenster öffnen.

Sie haben einen Blog “Kadının Kaleminden” (Frauen-Stift). In diesem Blog stehen nicht nur Texte von Ihnen, sondern auch von vielen anderen Frauen. Welche Bedeutung hat der Blog für Sie?

Nachdem ich meine ersten Geschichten geschrieben hatte, habe ich handgeschriebene Proben an Kolleg_innen und Freund_innen gefaxt. Sie wollten immer etwas Neues: “Wo ist die nächste Geschichte von dir?” Sie wollten, dass ich meine Geschichten an Verlage schicke. Aber die Verlage wollten sie nicht zusammen in einem Buch veröffentlichen, sondern nur Einzelgeschichten. Aber ich sagte: Alles oder nichts. Die Geschichten eines Schriftstellers sind wie die Kinder eines Menschen oder die Finger einer Hand. Welcher Finger ist wichtiger, welches Kind kannst du aufgeben? So kam mir die Idee mit dem Blog. Der Blog hatte 16.000 Leser_innen in den letzten vier Jahren. Das habe ich nicht erwartet. Jede Frau aus allen Sprachen und Ethnien kann in meinem Blog schreiben. Männer dürfen nur lesen! (lacht)

Haben Sie auch deutsche Texte in Ihrem Blog?
Es gibt zwei.

Haben Sie weitere Buchprojekte?

Ja. Das neue Buch heißt  „Kestane Kabuğundan Çıkınca“ (Wenn die Kastanie ihre Schale verlässt). Diesmal wird der Fokus mehr auf der Liebe und Sexualität von Frauen liegen.

Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg als Schriftstellerin.

Text: Cansu Siret Ceylan – Foto: Li Zha (oben), Beate Strenge (unten)

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Buchautorin Ruhat (links) wurde von Cansu (rechts) interviewt.

 

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